Suffizienz: Was ist das und wieso brauchen wir es? Wie gelingt Suffizienz?

In diesem Artikel geht es um das Thema Suffizienz.

Wir Menschen, unser Wohlbefinden und unsere Wirtschaft ist von den Ressourcen der Erde abhängig.  Jedoch sind Ressourcen begrenzt, genauso wie die Aufnahmekapazität der Erde. Die ökologischen Grenzen werden permanent überstrapaziert. Momentan vorherrschende Produktions- und Konsummuster verfolgen keine nachhaltigen Strategien. Ganz im Gegenteil, nach dem Motto „immer mehr, schneller und kurzlebiger“ steigt unser Energie- und Ressourcenverbrauch in das Unermessliche.

Effizienz und Suffizienz

Ein Ansatz, um diesem Phänomen entgegenzuwirken, ist die Effizienz: ein reduzierter Einsatz von Ressourcen und Energie mit höherer Produktivität. Die Gefahr hierbei ist jedoch der sogenannte Rebound-Effekt. Das ist ein erhöhter Verbrauch von Ressourcen/Energie durch die potenziellen Einsparungen. Ein Beispiel dafür ist ein durch Effizienzsteigerung sparsamerer PKW. Die Folge der geringeren Treibstoffkosten pro gefahrenen Kilometer ist eine Veränderung des Fahrverhaltens, indem längere Strecken beziehungsweise öfters gefahren wird. Aus diesem Grund ist Effizienz allein nicht die Lösung, trotzdem ein wichtiger Ansatz.

Eine mögliche Ergänzung dazu ist das Konzept der Suffizienz, welche ökologische und soziale Grenzen berücksichtigt. Suffizienz steht für einen geringeren Verbrauch von Ressourcen und Energie durch eine verringerte Nachfrage nach Gütern. Da in den klassischen Wirtschaftswissenschaften das oberste Ziel stetiges Wachstum ist, ist das Konzept der Suffizienz eine Vorgehensweise, die auf den ersten Blick nicht mit der momentan vorherrschenden Wirtschaftsweise zu vereinbaren ist. Sie könnte dennoch notwendig sein, um den globalen Ressourcenbedarf zu reduzieren. Lebensqualität und Konsumniveau sind Messgrößen, mit denen Wohlstand gemessen wird. Eine Reduktion des Konsums wird oft mit Verzicht und einer Verringerung der Lebensqualität verbunden. Folglich entsteht die Annahme von weniger Wohlstand. Weniger Wohlstand ist nicht das Ziel von Suffizienz, sondern es geht darum, mithilfe einer Konsumveränderung Werte neu zu definieren und interpretieren unter dem Wissen, dass Ressourcen nur beschränkt vorhanden sind.

Was ist Suffizienz?

Der Grundgedanke bei Suffizienz ist, dass der globale Ressourcen- und Dienstleistungsbedarf absolut gesenkt wird, ohne dabei Verluste einbüßen zu müssen. Der Begriff richtet sich an das Verhalten von Individuen bis hin zu größeren Gruppen. Einzelne Personen, politische Maßnahmen sowie die Rolle der Wirtschaft sind Akteur:innen dieses Nachhaltigkeitskonzepts. Suffizienz kann im weiteren Sinne als Konsumreduktion verstanden werden. Eine engere Betrachtung des Begriffs beinhaltet folgende Ansicht: Suffizienz forciert ein Höchstmaß an ökologisch nachhaltigem Verbrauch und ein Mindestmaß an sozial nachhaltigem Verbrauch. Somit wird eine gute Lebensqualität ermöglicht. Ein suffizienter Lebensstil verlangt nach einer Veränderung der Lebens- und Wirtschaftsweise innerhalb der planetaren Grenzen. Dabei spielt die Frage, wie viel genug ist und was das rechte Maß ist, eine essenzielle Rolle. Ein genügsamer Umgang mit den vorhandenen Ressourcen, ohne dabei die eigene Lebensqualität zu verringern, soll ein gutes Leben für sich selbst und zukünftige Generationen sichern.

Individuelle Ebene, um Suffizienz zu fördern

Um zukünftig innerhalb der planetaren Grenzen leben und wirtschaften zu können, ist eine absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs notwendig. Eine veränderte Verhaltensweise, sprich weniger zu konsumieren, ist Voraussetzung für diesen Wandel. Suffizienz kann jegliche Lebens- und Konsumbereiche des Alltags umfassen. Die Themen Wohnen, Ernährung und Mobilität sind nur einige der Beispiele davon. Genauso wie die unterschiedlichen Bereiche gibt es auch unterschiedliche Ausprägungen der möglichen Konsumveränderungen. Es können vier Konsumveränderungstypen unterschieden werden. Zuerst gibt es die absolute Reduktion, welche das Verhalten komplett reduziert. Beispielsweise wird auf das Fliegen im Ganzen verzichtet. Die zweite Ausprägung ist die Veränderung von einem intensiven Konsumverhalten zu einem weniger intensiven. Ein Beispiel dafür ist die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln anstatt eines privaten motorisierten PKWs. Dem folgt eine verlängerte Nutzung von Produkten, welche beispielsweise durch das Reparieren von Gütern gewährleistet wird. Zuletzt kann das Teilen von Gütern, wie zum Beispiel Car Sharing, eine Art des suffizienten Lebensstils sein.

Eine Konsumveränderung allein ist zwar ein maßgebender Beginn, jedoch besteht dabei die Unsicherheit, ob eine langfristige Verhaltensveränderung entsteht. Zusätzlich sollte man sich mit dem eigenen Anspruchsniveau auseinandersetzten und die individuellen Bedürfnisse reflektieren. Dabei spielt das Hinterfragen von vorhanden Werten eine wichtige Rolle. Diese sollten im Sinn der Genügsamkeit, der Sparsamkeit und des einfachen Lebensstils weg von materialistischen hin zu intrinsischen Werten adaptiert werden.

Politische Ebene, um Suffizienz zu fördern

Das individuelle Handeln alleine wird wohl nicht ausreichend sein, um schnell genug die benötigte Veränderung herbeizuführen. Demnach ist das politische Eingreifen durch das Schaffen von entsprechenden Rahmenbedingungen unumgänglich, um eine transformative Veränderung zu erzielen. Dabei handelt es sich einerseits darum, Suffizienz im Bewusstsein der breiten Bevölkerung zu verankern und andererseits mithilfe von politischen Vorgaben die Wirtschaft in den ökologischen Grenzen zu halten. Zusammengefasst umfasst Suffizienzpolitik eine Begrenzung sowohl von der Produktion als auch vom Konsum durch verpflichtende Maßnahmen der öffentlichen Hand. Jedoch stoßen politische Rahmenbedingungen nicht nur im Sinne der Suffizienz, sondern allgemein, was Themen der Nachhaltigkeit betrifft, auf Kritik. Die Einschränkung der individuellen Freiheit, Durchsetzbarkeit sowie verfassungsrechtliche Grenzen sind nur einige Argumente, die gegen das Eingreifen der Politik genannt werden. Dementsprechend behutsam muss seitens der Politik dabei vorgegangen werden, die Themen mithilfe von Kommunikation und Bewusstseinsbildung auszugestalten.

Unternehmerische Strategien für ein suffizienzorientiertes Geschäftsmodell

Neben der individuellen und politischen Ebene gibt es eine weitere beteiligte Instanz, welche bei dem Thema der Suffizienz eine wichtige Rolle einnimmt, nämlich die Unternehmen. Herkömmliche Geschäftsmodelle sind so ausgelegt, dass so viel wie möglich produziert und verkauft werden soll, um den größtmöglichen Gewinn zu erzielen. Im Zuge der Suffizienz müssen Geschäftsmodelle verändert beziehungsweise neu ausgerichtet werden, sodass ein suffizienzorientierter Lebensstil gefördert wird.

Unter einem suffizienzorientierten Geschäftsmodell versteht man, dass aktiv Lösungen angeboten werden, um den Verbrauch und die Produktion zu reduzieren unter der Einbindung von Kund:innen. Das Wirtschaften befindet sich stets in dem Bereich zwischen dem Maximum an ökologischen Grenzen und dem Minimum an wirtschaftlicher Rentabilität. Das Verständnis von dem Begriff „Wert“ wird neu definiert und das Produktangebot dementsprechend angepasst. Angefangen wird bei neuen Anforderungen an das Produktdesign. Die Produkte werden zeitlos, langlebig sowie recycling- und reparierfähig gestaltet. Des Weiteren werden zusätzlich zum herkömmlichen Verkauf von Produkten gewisse Dienstleistungen wie Verleih- oder Mietmodelle, Reparaturangebote, Secondhand-Verkäufe sowie Pflegeanleitungen angeboten. Auch im Sinne der Kommunikation und dem Marketing nach außen werden gewisse Vorkehrungen getroffen. Es wird zu kritischem Konsum angeregt beziehungsweise sogar zum Verzicht geraten. Dabei wird Bewusstseinsbildung und Wissensvermittlung integriert.

Was motiviert ein Unternehmen, um Suffizienz zu fördern?

Motivationen von Unternehmen im Sinne der Suffizienz zu handeln, können vielfältig sein. Grundsätzlich können diese zwei Motiven zugeordnet werden. Einerseits dem altruistischen Motiv, bei dem bereits eine positive Grundeinstellung im Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit verankert ist. Mögliche Antriebe dafür sind der Wille einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung zu leisten, nach dem Vorsorgeprinzip zu wirtschaften beziehungsweise eine Rolle bei der gesellschaftlichen Abkehr vom Konsumismus einzunehmen. Andererseits gibt es strategische Motive. Hierbei steht im Fokus die Verbesserung der Reputation, die Stärkung der Kundenbeziehung, die Erschließung von neuen Geschäftsfeldern sowie die Steigerung von Umsatz und Gewinn. Genauso wie es Motive für das Handeln gibt, gibt es auch Barrieren, die ebenso in zwei Kategorien unterteilt werden können. Es gibt systematische und organisationale Barrieren. Bei der Ersteren ist das Wachstumsparadigma der Wirtschaft, das vorherrschende Konsummuster der Gesellschaft sowie die enge Auslegung der Konsumentensouveränität Thema. Unter organisationalen Barrieren fällt die starke Ausrichtung an Umsatzwachstum, die Sorge um Reputationsverluste und die Orientierung an Shareholderinteressen.

Unser Fazit: Suffizienzorientierte Geschäftsmodelle sind die Zukunft

Für eine Veränderung bedarf es sowohl von der individuellen als auch von der politischen und unternehmerischen Ebene an Handlungen. Das Ziel dabei sollte nicht Gewinnmaximierung, sondern eine nachhaltige Suffizienzwirtschaft sein. Für den Beginn jedoch wären seitens der Politik erste Schritte notwendig, um einen Rahmen zu schaffen, indem Vorgaben für Unternehmen zum Thema suffizienzorientiertes Wirtschaften erarbeitet werden. Jedenfalls sollte auf jeder Ebene darauf geachtet werden, dass durch die möglichen eingesparten Ressourcen, Geld und Zeit nicht derselbe Effekt wie bei der Effizienz entsteht, nämlich der Rebound-Effekt.

So stehen Sie auf dem Weg zu einem suffizienzorientierten Geschäftsmodell?

Lara Hammerl, Dezember 2022

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